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Christina Link- Blumrath im Gespräch mit Schwester Isa Vermehren, eingestellt anlässlich ihres 90. Geburtstags am 21. April 2008.

Wer der Ordensfrau Isa Vermehren begegnete, und das waren sehr, sehr viele Menschen, spürte sofort, dass er es mit einer außergewöhnlichen Persönlichkeit zu tun hatte. Der geistige und geistliche Brunnen, aus dem sie schöpfte, war sehr tief. „Das Leben“, sagte sie einmal, „hat mir ungewöhnliche Gelegenheiten geboten.“ 1918 kommt sie in Lübeck als Tochter einer bürgerlichen protestantischen Familie zur Welt, der Vater ist Anwalt, der Großvater Senator.

Aufgewachsen im liberalen Geist der Hansestadt, weigert sie sich 1933, die Hakenkreuzfahne zu grüßen. Daraufhin wird sie des Gymnasiums verwiesen. In der Anonymität der Weltstadt Berlin findet sie Unterschlupf. Schnell macht sie sich mit Auftritten in der „Katakombe“, dem politisch-literarischen Kabarett von Werner Finck, einen Namen.

Sie tritt mit Ziehharmonika auf und singt flotte Seemannslieder und Balladen. In den Texten schwingt listige Kritik an den Nazis mit. Später bezeichnet sie ihre Bühnenpräsenz als „improvisierte Sache“, durchaus sinnvoll, aber „ohne Ankergrund“, doch erhält sie immerhin Nebenrollen in Filmen an der Seite der großen Ufa-Stars. Da die „Katakombe“ auf Anordnung der Machthaber geschlossen wird, macht Isa Vermehren auf der Abendschule das Abitur nach.

Im Alter von 20 Jahren fällt sie dann die Entscheidung, die ihr Leben in eine neue Bahn lenkt. 1938 tritt sie zur katholischen Kirche über, zum großen Kummer ihrer Mutter. Dennoch steht Vermehren während des Krieges mit ihrer Ziehharmonika „Agathe“ wieder auf der Bühne im Rahmen der Wehrbetreuung deutscher Soldaten an der Front in Frankreich, Italien oder Norwegen – wie so viele andere bekannte Künstler. Die Frage, ob sie damit den verhassten Krieg nicht doch unterstützt habe, hat sie noch lange beschäftigt. Nachdem einer ihrer Brüder, Erich Vermehren, 1944 als Diplomat zu den Briten übergelaufen ist, wird sie – wie es damals hieß – in „Sippenhaft“ genommen. Sie überlebt den Aufenthalt in den Konzentrationslagern Ravensbrück, Buchenwald und Dachau. Die existenziellen Erfahrungen jener Monate schildert sie später in ihrem Buch „Reise durch den letzten Akt“.

Nach diesem „letzten Akt“ kann nichts mehr sein, wie es war. Der ungeheuere Druck der Weltanschauung des Nationalsozialismus habe viele Menschen vor die Frage gestellt, was sie eigentlich noch glauben sollten, sagt sie. „Durch die Erfahrungen des Krieges und der KZs wurde ich in meinem Glauben bestärkt, es war eine Zeit der äußersten Gottesbewährung.“

Es reift in ihr die Vorstellung, in einen Orden einzutreten. Von 1946 bis 1951 studiert sie an der Universität Bonn katholische Theologie, Deutsch, Englisch, Geschichte und Philosophie. Am 15. September 1951 tritt sie in das Herz-Jesu-Kloster der Schwestern vom Heiligsten Herzen Jesu in Beuel-Pützchen (heute Bonn) ein. Dieser Frauenorden war während der Französischen Revolution von der heiligen Sophie Barat gegründet worden. Isa Vermehrens Vorgesetzte im Orden erkennen ihre pädagogischen Fähigkeiten. Sie übertragen ihr 1961 die Leitung des Sankt-Adelheid-Gymnasiums in Beuel-Pützchen; 1969 wird sie Direktorin der renommierten Sophie-Barat-Schule in Hamburg und bleibt es bis zum Eintritt in den Ruhestand 1983. Hier schließt sich der Kreis zu den Anfängen: „Singen und Theaterspielen, dafür konnte ich mich begeistern, und das hab’ ich später als Schulleiterin auch häufig mit den Kindern gemacht.“ Die meisten ihrer Schülerinnen behalten sie jedenfalls dankbar in Erinnerung.

Sie schreibt ein Dutzend sehr lesbarer Bücher über Glaubensfragen und ist, schlagfertig und fromm zugleich, immer zum Gespräch bereit. Nicht zuletzt die Bildschirmpräsenz verschafft der Ordensfrau Popularität. Zwölf Jahre, bis 1998, spricht sie im Ordensgewand das „Wort zum Sonntag“. Sie weiß, dass dieses sonntägliche Fernsehformat „die ungeheure Chance bietet, einfach von seinem Glauben reden zu können“. Und das konnte sie. Sie nutzte die wenigen Minuten zur authentischen Glaubensverkündigung.


Am 15. Juli ist Isa Vermehren im Alter von 91 Jahren in Bonn gestorben.


 
 
hochgeladen von:
Santiago74
am: 17.11.2009
um: 19:05:55
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Interview mit Schwester Isa Vermehren
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